Der Riss in Minous Welt

Minou kannte weder sein Gesicht, noch seinen Namen oder die Adresse. Sie sprach nie über ihn. Und doch war er die einzige Beziehung, die sie führte. Morgens spürte sie seine Hände, wenn sie unter der Dusche stand und das warme Wasser ihren frierenden Körper umschloss. In diesen Momenten riss sie nach Halt suchend die Augen auf, tastete halb blind nach der Realität. Nach Sicherheit.
Es gab sie immer noch, diese Momente, in denen die Gegenwart sie an ihn verlor. Doch Minou hatte begonnen das Leben als merkwürdigen Ort zu sehen. Einen Ort, an dem Dinge passieren, die so sehr weh tun, dass man denkt nie wieder zu Atem kommen zu können.

Ganze 10 Jahre hatte es gedauert bis sie die Handbremse mit der sie durch’s Leben schlich, gelöst hatte. Vor Schreck war Minou gegen die Wand gekracht und liegengeblieben. Hatte in den Himmel gesehen, ihren Körper an den kalten Asphalt gedrückt und ausgeatmet. Stundenlang. Sein Schatten legte sich nicht mehr über sie. Sein Kapitel in ihrem Leben war zu Ende, die Fesseln, die sie all die Jahre getragen hatte, gesprengt. Er war nur noch ein Riss in ihrer Welt.

Wenn sich Minou heute zur Seite dreht, sieht sie die Menschen neben sich lächeln. Sie sieht den Stolz in den altbekannten Gesichtern, deren Bedeutung mit bloßen Worten nicht Ausdruck zu verleihen ist.

Jetzt oder nie. Mit ihren Träumen an der Hand läuft Minou los. Das Gefühl der Freiheit macht sie betrunken. Ihr Kopf ist voller Worte. Worte, die zu Sätzen werden wollen. Minou liebt es Zeit und Raum zu vergessen, stundenlang in ihrem Fenster zu sitzen und Musik zu hören. Neues zu entdecken. Oft schreibt sie Sätze, die sie faszinieren, mit, um sie im passenden Moment wieder hervorzuholen. Sie zeichnet Menschen mit Worten, versteckt sich hinter der Kameralinse, um den seltenen Moment einzufangen, der die unverfälschte Schönheit einer Person wiederspiegelt. Verwackelt, unscharf, echt.

Der Glaube an einen Menschen kann Berge versetzen. Seit kurzer Zeit wusste Minou um den Wahrheitsgehalt in diesen Worten. Und sie war unglaublich dankbar dafür, dass sie dadurch gelernt hatte an sich selbst zu glauben. All das war ihr abhanden gekommen, im Riss verschwunden.
Es gibt Dinge, die man anderen nicht im ersten Moment erzählt, auch nicht im zweiten. Manchmal ist der Schmerz so groß, dass es Jahre dauert, bis man Vertrauen findet. Manchen erzählt man es nie. Minou weiß, dass sie für viele ein merkwürdiges Rätsel war. Aber sie war nicht mehr traurig über deren Worte.

Vor einem halben Jahr hat Minou Oscar kennengelernt. Seither ist ihre Welt anders geworden. Der Weg hat sich geändert. Oft wird sie gefragt, warum. Sie weiß keine Antwort, kann nur ein Gefühl beschreiben. Ein Gefühl von Fahrtwind. Kopflosigkeit und Raketenbeinen. Ein Gefühl von Karottenkuchen.
Oscar stellt Minou nie Fragen. Er redet viel ohne dabei etwas zu erzählen. Noch nie hat sie einen Namen so ausgesprochen wie seinen. Durch Oscar scheint plötzlich Licht durch den Riss. Durch ihn und all die anderen, die nie aufgehört haben, in Minou das zu wecken, was man Träume nennt.

Danke.

by Annika Valerie Wagner 

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