Batman vs. Bullshit – 12 Fragen an Rayk Anders

„Bedrohungen der deutschen Lebensart lauern an jeder Ecke: Die Öko-Gutmenschen wollen einem die leckere Antibiotika-Wurst aus Massentierhaltung schlechtreden. Die Lügenpresse will verheimlichen, dass die AfD die beste Partei der Welt ist. Und die Muslime, die können sowieso nichts richtig machen und schmieden in Wahrheit einen geheimen Plan, in Deutschland die Macht zu übernehmen.“

Was habe ich mich bereits zu Beginn des Jahres bei der ersten Leseprobe von „Eure Dummheit kotzt mich an“ amüsiert (spätestens beim Vergleich mit Helene Fischer hattest Du mich, lieber Rayk). Seit exakt 10 Tagen ist das Buch nun im Handel erhältlich, die erste Auflage war bereits am ersten Tag verkauft.
Wir haben Rayk Anders auf der Frankfurter Buchmesse getroffen und ihm einige Fragen gestellt – über Armes Deutschland, sein erstes Buch, Bullshit und Resignation – aber lest selbst.

  1. Mittlerweile hast du allein auf YouTube rund 75.000 Menschen, die Dir zuhören. Bitte erzähle kurz und knapp die Geschichte deines Blogs „Armes Deutschland“. Was war ausschlaggebend für Dich diesen Blog ins Leben zu rufen?

Die Geschichte hinter dem Blog ist folgende: Ich wollte journalistisch gerne unabhängig sein, was bedeutet, nicht mehr an eine Chefredaktion gebunden zu sein, die einem Themen vorgibt, sondern ausschließlich über die Sachen zu sprechen, über die ich sprechen möchte. Vor allem lag mir viel daran, neue Ansätze der Berichterstattung auszuprobieren, die woanders schwierig geworden wären. Ich könnte zum Beispiel nicht bei der FAZ anfangen, irgendwelche 80er Jahre Popsongs in meine Videos einzuspielen oder Cartoons einzublenden. Ich wollte gerne etwas anderes probieren und das war mit einem privaten Blog etwas leichter möglich.

  1. Hast du geahnt, dass „Armes Deutschland“ so durchsteigt?

Sagen wir mal so – verglichen mit anderen Bloggern – bin ich immer noch eine halbe Arschbacke von LeFloid, bzw. noch nicht mal das. Trotzdem ist die Resonanz so groß, dass ich überrascht bin. Und ich freue mich sehr, dass es geklappt hat. Gerade die ersten Jahre waren ein Kampf. Die größte Herausforderung war durch die eigene Freundesblase zu dringen. Also, über die Leute hinauszukommen, die am Anfang teils aus Mitleid deine Seite liken (haha). Es ist ein wirklich cooles Gefühl, wenn plötzlich Menschen unter deinen Followern sind, die Du überhaupt nicht kennst und Du dir denkst: „Oh! Er ist nicht der Freund eines Freundes, wer ist das nur? :)“ Das ist alles ganz spannend und mysteriös. Und ich bin unglaublich froh, dass es geklappt hat.

  1. „Eure Dummheit kotzt mich an“ ist vor exakt einer Woche erschienen und schon ist die erste Auflage verkauft und das Buch nicht mehr lieferbar – was ist das für ein Gefühl? Macht es Dir auch irgendwo Angst?

Das ist sowohl für mich, als auch für den Verlag und den Handel eine überraschende Sache gewesen. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass das so schnell funktioniert und bin gerade auch ein wenig zwiegespalten. Einerseits bin ich froh, dass es nicht wie Blei in den Regalen liegt, auf der anderen Seite denke ich auch an die Leute, die enttäuscht sind, dass sie es nicht direkt bekommen haben. Aber ich habe trotzdem die Hoffnung, dass nach der ersten Woche und, nachdem zunächst alle meine treuen Fans aus dem Internet zugeschlagen haben, die Welle nicht abbricht und durch den Handel auch noch neue Leute aufmerksam werden, die nicht zur klassischen Zielgruppe gehören.
Die Angst und die Beklemmung hat eher vor der Veröffentlichung stattgefunden, im Sinne von – will das überhaupt irgendjemand lesen?

  1. Welchen drei Personen würdest Du dieses Buch besonders gerne persönlich in die Hand drücken?

Frauke Petry, Lutz Bachmann und meinem Vater.
Nachtrag: Die Reihenfolge ist verwirrend. Bei meinem Papa im Sinne von: Hey, guck mal hier, ich hab’s geschafft!

  1. In deinem Buch erzählst Du, dass Du mit Hassnachrichten überschüttet wirst – gab es auch gegenteiliges – Nachrichten, die Dich bewegt haben weiterzumachen?

Es gibt auf der einen Seite natürlich Leute, die sich extrem auf die Füße getreten fühlen, wenn man sie zu politischen Themen mit einer Meinung anspricht, die nicht ihrer entspricht. Das sind immer auch gerne genau diejenigen Leute, die sich selbst als Kämpfer der Meinungsfreiheit verstehen, dann aber völlig aus allen Wolken fallen, wenn jemand eine andere Meinung vertritt. Auf der anderen Seite gibt es auch viele ganz andere Reaktionen: unglaublich viel Unterstützung und Zuspruch in Form von netten Nachrichten, Mails und Kommentaren. Es ist schön zu sehen, dass es Leute gibt, die meine Posts nicht nur „wegkonsumieren“, sondern sich deren Inhalt und Botschaft auch zu Herzen nehmen. Es kamen beispielsweise auch coole Reaktionen auf mein Buch: „Oh mein Gott, ich hab mir tatsächlich zum ersten Mal ein gedrucktes Buch gekauft“ und solche Dinge :).

  1. Wirst Du in Berlin mittlerweile auf der Straße erkannt oder sogar angesprochen?

Wenn ich für jedes Mal, wenn ich auf der Straße angesprochen wurde, einen Cent bekommen hätte, wäre ich mittlerweile bei vielleicht 6 Cent. 🙂
Das ist relativ überschaubar. Ab und zu ruft mir mal jemand vom Fahrrad entgegen: „Hey Rayk, coole Videos!“ oder guckt mich komisch an und sagt: „Hey, du bist doch der und der, können wir kurz ein Foto machen?“. Das ist aber nicht auf Michael Jackson Niveau – dass meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt wäre. 🙂

  1. Wäre die Welt ohne Social Media besser? Oder würde sich der „Bullshit“ dann nur über andere Kanäle verbreiten?

Ich glaube Social Media macht Dinge nur sichtbarer, die vielleicht vorher schwierig waren. Social Media stellt für Menschen einen Kanal bereit, in dem sie ihre innersten Empfindungen und alle Gedanken nach außen tragen können. Das hat sich im Vergleich zu „früher“ sehr verändert. Ich muss das jetzt glaube ich nicht konkretisieren – du weißt, worauf ich hinaus möchte. Aber es ist durchaus so, dass jeder frei verbreiten kann, was er sich denkt, ohne, dass das vorher von einem Verleger, Lektor oder gütigem TV-Menschen, durchgelassen wird. Somit kommt alles ans Tageslicht, was ein anderer vorher vielleicht nicht so ganz auf dem Schirm hatte. Social Media macht die Dinge nicht zwingend schlechter, sondern, wie schon gesagt, nur sichtbarer.

  1. Gäbe es einen Grund für Dich aufzuhören?

Alleine schon an meinem Stocken merkst Du, dass mir spontan keiner einfällt. Also, erstens würde ich allein aus dem Grund weitermachen, weil, guck mal, selbst wenn wir im totalen Schlaraffenland leben würden, hätte trotzdem jeder noch Bock sich über die Sachen auszutauschen, die tagtäglich passieren. (Und selbst, wenn es nur wäre: oh, guck mal, heute ist besonders viel Honig in der Milch!) Zwar werden wir niemals im Schlaraffenland leben und der Gedanke ist hinfällig, aber generell finde ich es gut, wenn die Leute sich nicht voneinander isolieren, sondern sich ja, immer ein bisschen versuchen zu vernetzen und darauf hinarbeiten, dass die Welt vielleicht eines Tages ein bisschen besser wird. Weil, was ist die Welt, wenn nicht das, was wir daraus machen?

  1. Was rätst Du der Generation junger Menschen, die ins Wahlalter kommt und die Kraft hätte etwas zu verändern?

Zwei Sachen: Erstens, dass sie sich nichts erzählen lassen sollen im Sinne von: Demokratie ist scheiße, Wählen bringt nichts und überhaupt ist jede Anstrengung in eine neue Richtung sinnlos. Zweitens: Wenn sie der Meinung sind, dass die Politik sie nicht vertritt oder, dass Politiker alle korrupt sind und lügen – dann sollen Sie sich selbst darum bemühen, dass es besser wird. Es gibt so viele Parteien, dass für jeden eine dabei sein müsste mit der er sich identifizieren kann. Es gibt auch mehr Parteien als die großen vier, fünf, die man in den Medien wahr nimmt. Da sehe ich die Bringschuld aber auch bei den Leuten selbst. Sie müssen sich schlau machen, was es für Möglichkeiten gibt und es nicht damit gut sein lassen zu sagen: „Ich habe in den Nachrichten gesehen, dass Merkel scheiße ist, also ist die Demokratie ohnehin vorbei, weil Merkel eine schlechte Kanzlerin ist.“
Zusammengefasst: Man sollte die Demokratie nicht aufgeben, wenn man mit den aktuellen Personalien nicht zufrieden ist, sondern – und das ist natürlich ein dickes Brett – langfristig darauf hinarbeiten, dass es besser wird. Und ich glaube das ist durchaus keine Unmöglichkeit.

  1. Sowohl aus deinen Posts, als auch aus Deinem Buch spricht sehr viel Wut, was gut ist. Weil Wut antreibt und etwas bewegt. Was mich interessieren würde ist, wie Du es schaffst wütend zu bleiben und nicht irgendwann in die Resignation abzudriften?
    Ich bin oftmals vielmehr grundenttäuscht, als wütend. Was mich persönlich als alten Batman und Comic-Fan immer aufregt, ist Ungerechtigkeit. Dazu gehören vor allem grundsätzliche Dinge wie die Frage: Warum sollte ein Mensch besser als ein anderer sein?
    Das sind grundsätzliche Sachen, die sich nicht nur in der grauen Theorie ausdrücken, sondern die man im persönlichen Alltag immer wieder erfährt. Und gerade wenn Leute sich dann nicht zu peinlich sind und sich mit großen Schildern hinstellen und irgendwelche Bevölkerungs- oder religiösen Gruppen dafür verantwortlich machen, dass ihr Leben in bestimmter Hinsicht verkackt ist. Das liegt vielleicht auch viel an meinem eigenen Hintergrund, an der Art und Weise, wie ich groß geworden bin – in einem multinationalen Umfeld. Das hat mich und meine Wahrnehmung geprägt.
  1. Sollte „Eure Dummheit kotzt mich an“ als Schullektüre eingeführt werden?

Teilweise bin ich tatsächlich schon ein bisschen in den Schulunterricht vorgedrungen. Vor kurzem hat mir eine Lehrerin aus Island geschrieben, dass sie Deutschunterricht mit meinen Videos macht. Manchmal werde ich auch in Schulen eingeladen für Vorträge usw. oder Lehrer bauen, wenn sie ein bestimmtes Thema behandeln, meine Videos in den Unterricht ein. Das finde ich sehr schön – dass Leute, die selbst davon begeistert sind auch das Bedürfnis haben, meine Beiträge weiterzugeben und damit nicht nur im Netz, sondern auch im „echten Leben“ diese Arbeit anerkannt wird.

  1. Und zum Schluss: Formuliere bitte eine Frage, die einfach kein Interviewer stellt, deren Antwort Dir aber am Herzen liegt und beantworte sie auch gleich.
    Da fällt mir spontan nichts ein. Jedes Gespräch und Interview läuft anders, aber immer gut. Ich habe nie das Gefühl, dass mir das Wort abgeschnitten wird oder ich nicht das sagen darf, was ich will. Vielleicht ist es genau das – danke, dass ich ernst genommen werde.

Interview: Annika Wagner
Danke an Rayk!

Na? Neugierig geworden? Dann klickt mal hier.

Link zum Blog „Armes Deutschland“: YouTube und Facebook

Und hier könnt ihr gleich mal in das erste Kapitel „Dein Supermarkt belügt dich“ reinlesen:

Leseprobe

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