Man hat kein Kleid für eine Beerdigung

Deshalb hat sie das Sommerkleid mit den kleinen weiß-blauen Blumen angezogen. Eine dunkelgraue Strumpfhose, Stiefel. Wasserfeste Wimperntusche. Fast hätte ich sie nicht erkannt, so verloren sah sie inmitten all der schwarzgekleideten Leute aus. Und das ist Deine Schuld. Ganz allein.

Zwei Jahre kennen wir uns jetzt. Zu Anfang konnte ich nicht viel mit Dir anfangen. Mit Dir und deinem gottverdammten Namen. Ich war nicht bereit dich in meinen Wortschatz aufzunehmen, wollte dich nicht wiedersehen. Aber Du bist zu einem Alltagsbegriff geworden, hast nach und nach  alles besudelt und eingenommen. Du bist in jede Ritze unserer Leben gekrochen. Freitags gab es keine Pfannkuchen mehr, sondern Congee, Sprossen und Kresse. Wir haben alles versucht, um Dir das Leben in ihm schwer zu machen. Dich kleinzukriegen. Zuletzt mit Hochfrequenzstrom.
Beim Wort Kresse könnte ich heute kotzen. Bei Kresse und vielen anderen K-Wörtern. Du bist das schlimmste davon.

Und nun ist er fort und Du bist immer noch da. Jeden Tag blickst Du mir aus ihren stumpf gewordenen Augen entgegen. Wenn Du ein Leben nimmst, verlässt Du das der anderen nie wieder. Du bist wie Rotwein auf weißem Stoff. Mit viel Mühe und Chemie verblasst Du irgendwann, aber der Schmerz bleibt. Er hängt in den Erinnerungen. In jedem neuen Tag, der plötzlich ein Loch enthält.

Du hässlichste aller Fratzen, du gieriger Bastard hast ihr das Liebste im Leben genommen. Wenn ich könnte, würde ich Dich dafür in Stücke reißen. Aber Du bist nicht greifbar. Du widersetzt dich allem, du wütest und streust. Spaltest Leben in ein glückseliges Davor und ein grausames Danach.

„Zwischen euch passt kein Blatt Papier. Kein Elementarteilen.“
So oft habe ich sie damit aufgezogen. Wie lächerlich Unrecht hatte ich damit. Am Ende warst du 5 cm groß und so viel schwerer als das dickste Blatt Papier.

Gelehrt hast Du mir nur eines: Wie kostbar ein Leben ohne Dich ist. Seit dem 19. Juli stehe ich jeden Tag mit diesem Gefühl auf und trotze Dir, spucke Dir Leben ins Gesicht. Für ihn. Gegen Dich. Ich verstehe das Glück hinter den schlagenden Herzen meiner Lieblingsmenschen. Und ich schätze es jetzt, nicht erst morgen.
Denn das ist alles, was man gegen Dich tun kann.

(Für SD)

© Annika Valerie Wagner

erschienen in curt Ausgabe #85

Illustrationen Annemarie Otten

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