Ich habe einen Traum

Es gibt Leute, die sagen Träume seien wie Seifenblasen. Wenn man denkt sie in den Händen zu halten, platzen sie. Ich bin anderer Meinung. Um Träume zu leben, muss man an sie glauben. Nicht wie ein Kind an den Weihnachtsmann. Nein. Wie eine Mutter an ihr Kind, das zum ersten Mal Fahrrad fährt. Ganz egal, wie oft es auf die Nase fällt, wie viele wacklige Versuche es braucht. Sie zweifelt nicht daran, dass es klappt. An Träume zu glauben heißt trotz gebrochener Knochen aufzustehen, gegen den Trott zu leben, in einem Meer aus Talenten am längsten die Luft anzuhalten, tonnenweise Kritik einzustecken, mit der Gitarre auf der Straße zu stehen um über die Woche zu kommen und dabei eines stets nicht zu vergessen – lächeln. An Träume zu glauben heißt, es bedingungslos zu tun.

Wofür?

Ich habe ein Jahr und 5 Monate jede Woche in einem Raum mit zwei Stühlen und einem Kaktus gesessen. Von 8.30 Uhr morgens bis 9.15 Uhr habe ich versucht herauszufinden, weshalb mein Körper nachts keine Ruhe mehr findet. Weshalb ich mich wie ein allseits gehypter Roboter fühle, den all die Begeisterung um sich herum nur noch mehr auszehrt. Man nennt diesen Zustand „verheizt“, Fachsprache „Burn-Out“. Begriffe mit denen Hinz und Kunz herumwirft, als würde es sich um Auszeichnungen für hervorragende Arbeitsleistung handeln. Kurz: Es fühlt sich beschissen an.

Nach zwei Jahren und sieben Monaten sitzt eine Frau vor mir, die mich beim Blick auf meine Arbeitsbeschreibung fassungslos ansieht. Ein Satz aus ihrem Mund reicht, um die Dämme brechen zu lassen: „Es ist nicht Ihre Schuld, das alles kann kein Mensch jemals bewältigen.“ Auf die Frage wieso so lange Zeit niemand etwas getan hat, kann ich nicht antworten. Ich habe etwas getan. Für mich. Ich bin gegangen.

Denn ich habe einen Traum und schwimme gegen den Strom, weil es für mich die richtige Richtung ist. Gegen die Meinung anderer, die mich entsetzt ansehen, als sie von meiner Entscheidung erfahren. Ich bereue nichts. Keinen Tag, den ich in diesem Job verbracht habe. Keine Erfahrung. Hätte ich all das nicht erlebt, gäbe es viele Menschen in meinem Leben nicht und ich würde nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben.

In meinem Zimmer steht eine Kiste voller Papier, die ich seit Jahren nicht angerührt habe. Auf jedem Blatt winden sich Buchstaben. Im Laufe der Jahre hat sich ihre Form verändert, ihre Lautstärke wechselt. Wenn die Buchstaben zu Worten, ganzen Sätzen und Geschichten werden, fühlen sich meine Finger wie Peter Pan. Ich kann nicht aufhören sie fliegen zu lassen.

Ich bin kein Roboter, denn Roboter empfinden nichts. In meinem Kopf türmen sich Emotionen, Worte und Musik. Und wenn ich sie auf den Konzertbühnen stehen sehe, weiß ich, dass sie richtig stehen und schwimme mit ihnen bis zum Ziel. Weil ich an sie glaube wie eine Mutter deren Kind vom Fahrrad fällt. Ohne Aber. Ohne Vorbehalte. Bedingungslos.
Und wenn ich schreibe weiß ich, dass auch ich einen Traum habe.

Annika V. Wagner

2 Gedanken zu “Ich habe einen Traum

  1. An den Traum glauben heißt, an dich selbst glauben – und lächeln.
    Wundervolle Worte, vielen Dank Annika!
    My day just got better by reading these words :-*

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