Das Leben der Anderen

Auf meinem Fluss ging es immer stromabwärts. Egal, wie stark die Strömung und der Sog war, die Chance abzusaufen bestand nicht. Aber der Fluss war ein Kreis. Ein Hamsterrad.

Heute stehe ich am Ufer und blicke zurück. Mein Herz klopft bis zum Anschlag, der Puls rast und das Lächeln in meinem Gesicht flattert vor Nervosität. Sicherheit gegen Freiheit. Ein Titel gegen meinen bloßen Namen. Ich habe mich für das Leben der anderen entschieden, die Kunst, den Raum und die Zeit für Kreativität.

Es gibt Leute, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen ansehen, wenn ich sage, dass ich mein Studium abgebrochen und meinen Job gekündigt habe. Ja, ich hatte einen tollen Job, einen tollen Titel für meinen Haufen an Jahren, aber ich hatte kein Leben. Falsch: Ich hatte nicht mein Leben.

Ich arbeite heute nicht weniger als vor einem Jahr. Wochen und Feiertage, Tage und Nächte verschwimmen noch immer zu einem. Ich unterstütze Menschen mit Träumen. Diejenigen, die Du triffst, wenn du von der Haustür in das Leben hinaustrittst. Die ihr Studium geschmissen haben, um das zu tun, was ihnen im Blut liegt. Diejenigen, deren Songtexte dir auf den Lippen liegen, wenn Du gedankenverloren durch die Straßen läufst. Diejenigen, die ihre ganze Kreativität in einem kompletten Kunst-Festival mit Menschen aus aller Welt zum Ausdruck bringen. Auf eben jenes Du gehst und nicht mal daran denkst, dass die Idee dafür in einem einzigen Menschen entsprungen ist. Die Welt wäre nichts ohne sie. Ich bin für die Menschen hinter den Kulissen, hinter den Bandnamen, den gefeierten Serien. Den Regisseuren, in denen die Ideen geboren werden und deren Namen erst im Abspann gezeigt werden. Die Du vergisst, sobald sie ausgeblendet werden.

Es sind die Menschen, die Dich mit ihrer Kunst auffangen sobald Du nach einem gestressten Tag das Leben betrittst. Diejenigen, die ackern, um ihre Miete zahlen zu können, weil kein Eintritt gezahlt werden möchte, illegal gedownloadet wird anstatt eine CD oder DVD zu kaufen. Dabei ist das nicht weniger Arbeit als im Strom zu schwimmen. Man bekommt keinen Titel bei Unterschrift zugeteilt. Und dabei sage ich nicht, dass ein Studium keine irre Leistung ist. Ich sage nur, dass Künstler genauso ackern. Jeden Tag, ohne Sicherheit. Dass sie zweifeln, einen Perfektionismus an den Tag legen, vor Aufregung zittern, wenn sie vor euch auf der Bühne stehen oder man ihre Musik in den Händen hält. Die darum bangen, dass man um eine bestimmte Uhrzeit den Fernseher einschaltet und bei denen sich alles, um die eine Frage dreht: Welche Worte man verwendet, wenn man über sie spricht.

Für mich sind sie jede Sekunde wert. Ich habe noch nie so viel Menschlichkeit erlebt, wie in Künstlerkreisen. So viel Durchhaltevermögen. Das Leben der anderen ist ein harter Weg, ohne Anleitung oder Krankenversicherung, aber mit einem Haufen Willen und Ideen. Und mit einem Traum – dem eigenen Gipfelkreuz.

🌷

by Annika V. Wagner

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s