Die Endlichkeit von für immer

Rück mit dem Stuhl heran
bis an den Rand des Abgrunds.
Dann erzähle ich dir meine Geschichte.
(F. Scott Fitzgerald)

Es gibt Schmerzmomente, die man mit Worten und vergeudeter Zeit verblassen lassen kann. Man sät Worte darüber, blättert den Kalender ein paar Mal um und sieht irgendwann nicht mehr zurück. Seitdem du mein Leben betreten hast, bin ich gerannt. Psychisch und physisch. Weg von Dir. Dem Du, dem ich nichts zuordnen kann außer nicht greifbaren Erinnerungen. Vor der Stimme an meinem Ohr, die mir zuflüsterte wie schön ich bin. Der Berührung der wulstigen Lippen auf meiner nackten Haut. Vor dem unerträglichen Geruch von Lederhandschuhen, dem Schauer, wenn jemand mir nichtsahnend die Hand schüttelt. Du bist der Kontrollverlust, die Angst von der mein Unterbewusstsein gesteuert wird.

Vor Dir wegzulaufen heißt kein Ziel zu haben und keinen Ausgangspunkt. Du bedarfst keiner Anwesenheit, du sprichst aus meinem Verhalten. Du tauchst auf, wenn ich in den Spiegel blicke und an allem zweifle, was ich sehe. Du bist die geduckte Haltung, wenn ich durch die Straßen gehe. Du bist die Taubheit in meinem Körper, nachts, mit anderen Männern. „Ist das jetzt für immer?“, fragt Mann in die Dunkelheit  und blickt auf meinen nackten, zitternden Körper. Die Wut schreit nein und Du lässt mich schweigen.

Es ist falsch. Aber man sieht sich an und sieht sich nicht. Nur die Hunde hinter sich.
Man fühlt die Lähmung und dennoch. Man rennt. Unermüdlich. Man rennt. Und verknüpft sich mit Bedeutungslosigkeit.

2017.

Ich sitze in einem Raum mit kahlen Wänden. Vor mir ein Mann, der deine Existenz in meinem Leben zwölf Monate nicht hervorholen konnte. Der Mann, der mich dazu gebracht hat, mein schlimmstes Versprechen an Dich zu brechen.

Seit Minuten hängt eine Frage im Raum. Was wäre, wenn man Dich nun findet? Wenn die Angst nach all den Jahren einen Vor- und Nachnamen bekommt. Ich antworte ihm mit einem Wort: Nichts. Ich würde Dich nicht sehen wollen, der Maske kein Gesicht zuordnen, keine Geschichte. Am wenigsten würde ich wissen wollen, ob Du Kinder hast, eine Tochter. Ich würde nicht die Frage nach dem quälenden Warum stellen. Es gibt ohnehin keine entschuldbare Antwort.

Als ich nach dieser Stunde den Raum verlasse, wird mir klar, dass sich etwas verändert hat. Ich habe aufgehört zu rennen und angefangen zu reden. Es gab immer ein Ziel und der Weg dorthin war immer egal. Denn das Ziel war ich selbst. Dir keine Kontrolle zu geben und mir keine Schuld. Die Hüllen fallen zu lassen und zu begreifen was passiert ist. Stundenlang stehe ich vor dem Spiegel und blicke 11 Jahren Kampf entgegen. Ich sehe all das, was die Außenwelt nicht sieht. Nicht sehen kann. Ich möchte Dir etwas sagen, dir den einen Teil meiner Geschichte erzählen, der dir die Macht von „für immer“ nimmt.

Es geht mir gut. Heute hier zu sitzen und diese Zeilen zu schreiben ist mein Triumph über Dich. Ich habe das Leben, das ich immer wollte. Ich sage nicht dank, aber wegen Dir, weiß ich es zu schätzen. Denn als Du mich in dieser Nacht mit dem Gesicht auf dem harten Boden liegen gelassen hast, habe ich an nichts mehr geglaubt. Am wenigsten an mich selbst. Du bist die unbändige Fähigkeit in mir zu kämpfen sowie Du die Fähigkeit bist, auf Teufel komm raus an andere Menschen zu glauben, um es irgendwann wieder bei mir selbst tun zu können. Ich erzähle Dir nicht, was die Jahre danach für mich bedeutet haben. Wie Tage und Nächte ineinander verschwommen sind. Was du wissen sollst ist, dass ich es mittlerweile schaffe meinem Spiegelbild standzuhalten. Bei meinem Körper ist das vergeblich. Ich würde Dir gerne sagen, dass ich vor exakt einem Jahr mit nichts mehr als einem 13 Kilogramm schwerem Rucksack ans andere Ende der Welt gereist bin. Allein, schutzlos. Sicherer und freier habe ich mich ironischerweise nie gefühlt. Als ich nach drei Monaten aus dem Flugzeug gestiegen bin, habe ich mein Leben auf den Kopf gestellt und beschlossen mutiger zu sein, als ich es mir selbst zutraue. Jeden Tag. Manchmal zittern mir vor Aufregung die Knie, wenn sich Augen erwartungsvoll auf mich richten. Aber ich habe in meinem Leben einen Rückhalt, den Du nie begreifen wirst. Was du mir angetan hast, war nicht mutig, sondern feig. Die widerlichste Stufe davon. Du wirst nie verstehen, was es heißt in Menschen zuhause zu sein. Wie viel Kraft es gibt, wenn sie an Dich glauben. Ohne Zweifel. Ich muss nichts über Dich wissen, um mir sicher zu sein, dass du von diesen Dingen keine Ahnung hast. Und diese Gewissheit ist für mich die größte Genugtuung. Vielleicht habe ich auf einem der härtesten Wege gelernt, was es heißt aufzustehen. Nämlich dann, wenn aufgeben so viel leichter wäre. Und ich habe mir geschworen jeden Menschen daran zu hindern, der mit dem Gedanken spielt es zu tun. Diejenigen zu unterstützen, bei denen das Leben keine Abfolge von glücklichen Fügungen war. Diejenigen, die Träume haben und bereit dafür sind. Du bist die Rebellion in mir. Nicht mein wunder Punkt. Und um mir das zu beweisen, habe ich mein Versprechen an Dich gebrochen. Schwarz auf weiß. In allen Polizeiregistern.

Es gibt immer die Möglichkeit eines Vielleichts. Vielleicht bist du tot. Vielleicht bist du unter all diesen Menschen und hörst mir zu. Vielleicht sitzt Du hinter Gittern. Vielleicht bist du glücklich.
Ich möchte es nicht wissen. Meine Finger zittern, als ich die Worte auf dem Papier immer und immer wieder lese. Ich falte es zusammen und schreibe zwei Worte darauf: An Dich.

Heute liegt der Brief Deiner namenlosen Akte bei. Eine braune Ringmappe mit einem Bericht über zwei Seiten. Zusammengesetzte Buchstaben, die jedes Detail beschreiben, das du mir angetan hast. Zwei bloße Seiten Wahrheit, deren Bedeutung einem 13-jährigen Mädchen innerhalb von Stunden das bisherige Leben entrissen hat.

2018

Es gibt Leute, die sagen Träume seien wie Seifenblasen. Wenn man denkt sie in den Händen zu halten, platzen sie. Ich bin anderer Meinung. Um Träume zu leben, muss man an sie glauben. Nicht wie ein Kind an den Weihnachtsmann. Nein. Wie eine Mutter an ihr Kind, das zum ersten Mal Fahrrad fährt. Ganz egal, wie oft es auf die Nase fällt, wie viele wacklige Versuche es braucht, irgendwann klappt es.

Träume verändern sich im Laufe des Lebens. Ich habe meinen Berg erklommen. Den einen, den ich vor zwei Jahren niemals in Betracht gezogen hätte. Im Grunde war der ganze Weg nach oben ein Albtraum mit der Chance am Ziel wieder die Aussicht auf Träume zu haben.

An der Spitze jeden Berges wird auch die schlimmste Form von „für immer“ zur Endlichkeit.

Und Träume warten.

ENDE

(c) Annika V. Wagner

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