Zuhause oder die Angst vor dem Bankrott

Für Nikola.

Was habe ich Schiss vor dem Tag an dem mir die Worte ausgehen. Das Gehirn auf Hartz IV. Die Finger zu Krüppeln. 

Den letzten Punkt drückt Mirjam so hart auf das Papier, dass der Schmerz der ewigen Sehnenscheidenentzündung ihr einen Schauer über den Rücken jagt. Es ist spät. Die Definition von spät bei der die Gedanken anfangen zu kreisen und den vollkommen übermüdeten Körper in einen Zustand der Ruhelosigkeit versetzen. Letzter Fluchtort Fensterbrett.

Mirjams Füße baumeln aus dem Fenster. Ihr Blick streift über die Straße, ihre Straße, dem Ort an dem sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben Zuhause fühlt. All die Jahre hatte sie dieses Wort hin und her balanciert und in keinen ihrer Sätze einfügen können. Heimat ungleich Zuhause. Bis sie hier gelandet ist, in dieser brechend vollen Wohnung mit der Nummer 10. Dem mit regenbogenfarbenem Klebstreifen befestigtem Namensschild an der Tür.

Hier wurde ihre Eigenart Deckel nicht zuzuschrauben und den Boden als vollwertigen Platz zur Ablage von allem, was gerade nirgends anders hinpasst, als liebenswerte Schwäche betrachtet.

Die einzigen Geister aus vergangen Zeiten in der Wohnung mit der Hausnummer 10 waren die kratzigen Stimmen auf den Platten lang verstorbener Musiklegenden. Den Rest hatte Mirjam in Worte gefasst und in einem Anflug von Größenwahn im Feuertopf verbrannt.

01:58 Uhr also. Zukunftsangst auf der Fensterbank. Das einzige Talent, das Mirjam immer in sich trug, war in ihrem Kopf Wortwelten aufzubauen und diese zu artikulieren. Sie nannte diesen Augenblick das Aufeinandertreffen von Gedanken auf Gefühl. Und gefühlt hatte sie in 25 Jahren Existenz zu viel. Mit Verlaub zählte sie nicht zu der Personengruppe deren Leben ein Ablauf von glücklichen Fügungen war. Schon Mirjams Kindheit hatte sich nicht gereimt und wurde so jäh beendet wie ein Kartenhaus, das man vor einem Ventilator aufbaut. Was als Schmerzumleitung begann, ist heute Mirjams tägliches Wasser und Brot. Fühlen und Schreiben. Orte, Menschen und Ideen mit Worten zu umschreiben, die andere dazu verleiten in diesen Magie zu entdecken. Ein Traum-Job? Um 01:59 ist Mirjam weit davon entfernt diese Frage mit Ja zu beantworten. Erst letzte Woche hatte sie mit einem Freund darüber diskutiert wie schwer man es doch mit der deutschen Sprache hat. Wie kantig, hart und hässlich banal sie klingt, wenn man nicht lang genug über die passenden Wortkombinationen nachdenkt. Eine von Mirjams Lieblingsbeschäftigungen war es daher Werke von alten und neuen Autoren nach Weisheiten darüber zu durchforsten. Manchmal hatte sie Lieblingswort-Phasen, deren einziger Sinn daran bestand ein besonders schönes Wort für eine bestimmte Zeit  so oft wie möglich in Gesprächen unterzubringen. Eine Eigenschaft, die in der Wohnung mit der Hausnummer 10 für allerlei Belustigung sorgt. Manche dieser Worte wurde sie nie wieder los.

02:00 Uhr. Warum hat man eigentlich Zukunftsangst? Bringt das etwas? Ist sie nötig, um Dinge in Frage zu stellen und sich weiterzuentwickeln? Oder ist sie Schwachsinn und es ist viel intelligenter mit voller Inbrunst in das Leben zu vertrauen? Vielleicht ergibt es einen Sinn, dass man immer wieder Orte wie diesen findet. Orte in denen man sich zu Hause fühlt und vermeintlichen Zukunftsängsten mit regenbogenfarbenem Klebstreifen begegnet. Unzählig viele Fragen in Mirjams Kopf. Sie hätte sie gerne Zoe gestellt. Aber Zoe schläft um 02:01. Zoe ist Mirjams Mitbewohnerin. Ein Wesen, das zum Austreten aus der Kirche rote Klapperschuhe anzieht, um dem Mitarbeiter beim Standesamt den nötigen Respekt für diese Tat zu zollen. Zoe’s Zimmer ist vollgestellt mit unkillbaren Pflanzensorten, keine Socke passt zu einer anderen. Zoe ist Mirjams Definition von zauberschön. Einem Wort, das wegen seiner  besonderen Zusammensetzung nur sehr selten Anwendung findet.

02:02 Uhr. Wenn Mirjam nicht schlafen kann, hört sie den immer selben Song in Dauerschleife. Between the Bars. Elliott Smith. Vor unzähligen Jahren hatte sie ihn in einem Film entdeckt, einige Zeit darauf in ihrem Lieblingsbuch. Irgendetwas hatte es also mit diesem Song in ihrem Leben auf sich. Seither war er ihr ständiger Begleiter in Nächten wie diesen. Vielleicht lautet die Antwort auf alles einfach immer nur: Leb. Egal wie viel Schiss Du vor morgen hast. Und wenn der Tag kommt an dem Du wegen deinem Gehirn bankrott bist, geh einfach nach Hause. Nach Zuhause als Ort, nach Zuhause in Form von Menschen. Nach zu Hause in Form von Musik- und Textwelten. Und allem, was dich nachts schlafen lässt. Zuhause. Vielleicht das wärmste und reichste Wort, wenn Du weißt, wo Du es findest. Und mit diesem Gedanken steigt Mirjam von der Fensterbank und zieht sich die Decke bis zu den Ohren.

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