Beziehungsstatus: überfordert

verfasst für read bold, ein Imprint der dtv Verlagsgesellschaft.

Die Generation mit der mysteriösen Bezeichnung „Y“ hat den Ruf „beziehungsunfähig“ zu sein. Heißt: sich nicht auf eine Person festlegen wollen oder gar können. Ist das so? Können die zu den Digital Natives erkorenen Mittzwanziger mit dem Thema Liebe nicht mehr umgehen?

Noch vor zehn bis fünfzehn Jahren hat die Generation der damals 20 bis 30-jährigen den Mensch für’s Leben beim Tanzen getroffen, Nummern ausgetauscht, ein paar aufregende Treffen durchlebt und dann entschieden, ob das Miteinander funktionieren kann oder nicht. So wird es mir zumindest von Freunden jenseits der 30 berichtet, die über meine Erzählungen nur erstaunt den Kopf schütteln.

Denn das „Beziehungs-Spiel“ heutzutage ist ein ganz ein anderes: Einer meiner Freunde hat mir vor kurzem eröffnet in einer „exklusive Affären“ zu sein, die ihn bezüglich der drohenden Ernsthaftigkeit sehr verunsichert. Eine Status-Angabe über die ich mich als Mittzwanzigerin genauso wenig wundere wie über all die offenen Beziehungen um mich herum. Es scheint als würden permanent zwei Gefühlswelten aufeinander crashen: die jener, die sich nicht festlegen wollen und die der anderen, die folglich damit kämpfen „nicht (gut) genug zu sein“. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob man für den anderen nur eine*r von vielen ist und die Frage wie man es nur hinbekommt die gewünschte Priorität im Leben des anderen zu werden.
Was hat sich also verändert?
Das Social Media Zeitalter mit all seinen Plattformen wie Instagram, Snapchat und Facebook haben ein 
Gefühl der unbegrenzten Auswahl geschaffen. Während man sich früher per Handy oder gar Festnetz-Telefon verabredet hat, klickt man sich heute online durch Bilder, reagiert auf Stories und bekommt so Leute zu Gesicht, auf die man vielleicht sonst nie getroffen wäre. Sie sind aber in diesem virtuellen Kosmos irgendwie erreichbar und lösen das Gefühl aus, dass da ja noch „mehr“ sein könnte. Nur warum ist „mehr“ so verlockend geworden? Oder liegt der wunde Punkt vielmehr darin, dass wir durch das Überangebot an Möglichkeiten schlichtweg überfordert sind und alles ausprobiert haben möchten, damit wir uns auch „richtig“ entscheiden?
Ich habe diese Fragen den Singles in meinem Freundeskreis gestellt. Nicht selten war die Antwort darauf, lieber nochmal für ein Semester oder länger ins Ausland gehen zu wollen, ein Job-Angebot in einer anderen Stadt auszuprobieren und dabei vollkommen frei von einer Beziehung handeln zu können. Hinzu kommt der Reiz des Neuen sowie der immerwährende Erwartungsdruck, der irgendwie auf uns lastet, etwas Besonderes sein zu wollen und sich in seinem Job zu verwirklichen. Da ist plötzlich so viel Panik vor dem Erwachsenwerden, der Übernahme von Verantwortung und vor allem eines: Es fehlt schlichtweg Zeit. 
Die quälende Erkenntnis also:
Ist es vielleicht sogar besser, sich ausgelebt zu haben, bevor man sich voll und ganz auf einen Mensch einlässt? Und was, wenn man unvorbereitet auf eine Person trifft, die einem tatsächlich jede Menge bedeutet? Im Falle meines Freundes war es so. Dann kommen wohl Wortkombinationen wie „exklusive Affäre“ zustande vor denen man sich nicht zu versperren versucht. Denn empfinden tun wir Mittzwanziger jede Menge. Ja, fast schon zu viel.
Es ist, als würde der eine Teil der Generation damit kämpfen, komplett überfordert zu sein und der andere — nach der großen Geborgenheit strebende — zerbricht dementsprechend an den Auswirkungen dieser Unsicherheit. Ergo: der Ruf, beziehungsunfähig zu sein, rührt beiderseits von Unsicherheit und endet darin verlernt zu haben, über all diese Gefühle zu sprechen.
Noch dazu haben der Einzug von Tinder, Grinder oder kostenpflichtigen Apps wie The Inner Circle das Dating Leben bequem, aber auch oberflächlich gemacht. Unumstritten ist aber, dass sie auch den weniger Mutigen die Chance ermöglichen einen potentiellen Kandidaten „anzusprechen“. Der Infotext bietet die Möglichkeit, von vornherein klarzustellen, wonach man sucht und sich damit auf die „Überforderten“, nicht Bindungswilligen gar nicht erst einzulassen. Denn erkennen kann nur jeder selbst, welche Prioritätensetzung am Ende des Lebens das größere Glück ausmacht. 
Hinter dem Ruf, „beziehungsunfähig“ zu sein, steckt also meiner Meinung nach etwas mehr, als sich schlichtweg nicht binden zu wollen. Es bedarf eines genaueren Blickes auf die entstandene Schwierigkeit mit dem Umgang der Liebe und vor allem jener: über seine Gefühle zu sprechen anstatt davor wegzulaufen.

 

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